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Prolog

Der Mann hatte ?ber eine Stunde am Schreibtisch gesessen, das Gesicht auf die H?nde gest?tzt und den Blick unabl?ssig auf den Brief gerichtet, der vor ihm lag. Der Umschlag mit dem maschinenbeschrieben Etikett war noch unge?ffnet. Die Schere mit dem schwarzen Kunststoffgriff lag neben dem Kuvert, hatte ihre Klingen aber schon ge?ffnet und schien nur darauf zu warten, die obere Falz durchtrennen zu d?rfen und den Inhalt freizugeben.
Er wusste, dass der Brief Antworten enthielt. Antworten auf Fragen, die ihn seit Monaten immer st?rker bedr?ngten. Antworten, von denen er sich Klarheit erhoffte und die ihn st?rken oder vernichten konnten.
Er wusste nicht, was passieren w?rde. Wieder und wieder hatte er versucht, sich Szenarien f?r seine Reaktion auszumalen. Immer war er an der Einsicht gescheitert, dass jede imagin?re Reaktion unangemessen war und nur die Offenlegung des Briefes selbst ihn zu einer angemessenen Reaktion f?hren w?rde. Er war jetzt an einem entscheidenden Punkt angelangt, wie ein L?ufer bei der Staffel?bergabe, ein Richter bei der Urteilsverk?ndung oder ein Musiker vor dem Schlussakkord. Einem entscheidenden Punkt in der Suche nach der Ursache f?r jene Zweifel, die er schon als Kind wahrgenommen hatte; erst als unbestimmtes Gef?hl und dann – als Jugendlicher – mit der beruhigenden Erkl?rung versehen, dass die Zweifel aus den ganz nat?rlichen Fragen eines vaterlosen Heranwachsenden nach dem Woher und Wohin wuchsen. Diese Gedanken kreisten in seinem Kopf, w?hrend er - mehr als eine Stunde - fast unbewegt vor dem Schreibtisch sa?.
Er hatte den neutralen, wei?en Umschlag ohne Absender am sp?ten Nachmittag im Hausflur gefunden. Er hatte sich nur kurz von den Vorbereitungen des Stiftungsfestes entfernen wollen um noch einige Telefonate zu f?hren. Erst war er sich unsicher gewesen, ob er den Umschlag ?berhaupt ?ffnen sollte. Obwohl er seit mehreren Tagen darauf gewartet hatte. Wieder und wieder hatte er sich die Frage gestellt, ob nicht – allen Indizien zum Trotz – die Ungewissheit besser w?re als die Gewissheit, in der es keinen Glauben mehr an eine andere M?glichkeit geben konnte. Es erschien ihm verlockend, w?ren da nicht die ganz konkreten Fragen gewesen, die ihn immer mehr bedr?ngt hatten in den letzten Wochen und den R?ckweg in die Ungewissheit versperrten. Fragen, denen er nicht mehr aus dem Weg gehen konnte, seit er es erfahren hatte; etwas, das zun?chst nur als vager Verdacht, dann aber pl?tzlich wie ein Code all jenes in seinem Leben zu entschl?sseln schien, was ihm von fr?hester Jugend an r?tselhaft geblieben war. Und er musst sich eingestehen, dass ihn diese Fragen immer verfolgen w?rden w?hrend eine endg?ltige Antwort dort in dem Brief auf seinem Schreibtisch verborgen war und darauf wartete, seinem Leben eine Wendung in die eine oder die andere Richtung zu geben.
Er hatte viel gelesen damals. ?ber Psychologie und Psychoanalyse, ?ber Religion und Philosophie. Erkl?rungen gesucht und gehofft, sie in den B?cherschr?nken des katholischen Pfarrhaushalts zu finden, in dem er aufgewachsen war. Seinen Vater hatte er nie wirklich vermisst. Nie den Wunsch gehabt, nach ihm zu forschen oder ihn kennen zu lernen. Dar?ber hatte er sich oft gewundert, widersprach es doch einem gro?en Teil der Erkenntisse aus den B?chern seines Onkels - jener Erkenntisse, denen er auch die ?berzeugung verdankte, dass die Erkl?rung f?r jedes Anders-Sein, jedes Fremdgef?hl und jede Unsicherheit darin lag, dass er ohne Vater aufgewachsen war. Was immer er dar?ber las; es half ihm, einzuordnen, was er f?hlte, auch wenn stets mehr Fragen offen blieben, als er sich hatte beantworten k?nnen.
Als Neffe des katholischen Pfarrers, der ihn und seine Mutter aufgenommen hatte, und angesichts seines Interesses an religi?s-philosophischen Themen war es beinahe zwangsl?ufig erschienen, dass er eben jene Themen nicht nur als Abiturf?cher gew?hlt, sondern anschlie?end auch Psychologie und katholische Theologie studiert hatte, um sich letztendlich f?r den Beruf des Pfarrers zu entscheiden. Welchen Einfluss sein Onkel darauf gehabt hatte, h?tte er nicht zu sagen vermocht. Obwohl er die althergebrachte, pastorale Amtsf?hrung seines Onkels, der vor allem den gesellschaftlichen Stellenwert des Pfarrerberufes genossen hatte, auch heute noch kritisierte. Aber bei allem anderen Verst?ndnis vom Beruf des Pfarrers: Letztlich war er es eine tiefe Dankbarkeit, die ihn mit seinem Onkel verband. Dankbarkeit daf?r, dass dieser ihn und seine Mutter zu sich aufgenommen hatte. Wusste er doch nur zu gut, dass sie beide ohne ihn kaum den Herausforderungen des Lebens gewachsen gewesen w?ren. Und was w?re dann aus ihm geworden? Vielleicht war es also eine Art der Achtung oder des Respekts gewesen, sich f?r den selben Beruf zu entscheiden. Vielleicht aber auch der Wille, ihm zu zeigen, wie man es anders oder gar besser machen k?nne.
Was ihn seit damals stets begleitet hatte, war die Unsicherheit ?ber den eigenen Standpunkt. Die hatte er auch in jenen Jahren nie ablegen k?nnen, als sein Weg allen, die ihn von au?en beobachteten, klar und geradlinig erschienen war. Nie hatte er in seinem Innersten alle Zweifel ausr?umen k?nnen, ob seine Wahl die richtige gewesen war – im Studium, im Beruf, in allem. Ob es wirklich sein Leben war, das er lebte oder ob es nicht auch an irgendeinem Punkt ein v?llig anderes h?tte werden k?nnen, wenn er sich anders entschieden oder anders verhalten h?tte. Ein seinem Selbst mehr entsprechendes Leben. Nie hatte er mit solchen Fragen wirklich abschlie?en k?nnen und nur wenige Dinge wie seine Herkunft oder seine Heimat empfand er f?r sich als wirklich wahr, unverr?ckbar und nicht anzweifelbar. F?r diese wenigen Dinge war er dankbar, hatten sie ihm doch stets Halt gegeben und waren das, worauf er sich immer hatte verlassen k?nnen. Umso gr??er war seine Angst davor, dass der Brief, den er jetzt in den H?nden hielt, diesen Halt zerst?ren und ihm den Boden unter den F??en wegrei?en w?rde.
Neben der Schreibtischlampe mit dem messingfarbenen Fu? und dem gr?nen Schirm, die er als Student auf dem Flohmarkt gekauft hatte, stand ein Glas Mineralwasser. Er nahm das Glas in die rechte Hand und trank einen Schluck. Keine Musik, kein Radio, nur das leise Ticken einer Uhr war zu h?ren und ab und an ein Knacken in den Heizungsrohren. Manchmal fuhr ein Auto drau?en vorbei. Dass Telefon l?utete ein paar Mal aber er hob den H?rer nicht ab. Er wusste, dass er den Brief jetzt, da er ihn in der Hand hatte, auch ?ffnen musste Weil er die Zweifel sonst nie mehr loswerden w?rde. Er nahm die Papierschere aus dem Schubladenfach und trennte dass Kuvert an der oberen Kante auf. Er f?hlte sich unvorbereitet, dem Moment nicht angemessen. Wusste nicht, ob er den Brief im Stehen oder im Sitzen ?ffnen sollte. Am Schreibtisch oder auf dem Ledersofa. Aber wie soll man sich auch auf einen Moment vorbereiten, der nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit ver?ndern kann.
Langsam zog er die zusammengefalteten Bl?tter aus dem Umschlag, breitete sie aus, gl?ttete sie, ?berflog die einleitenden Erl?uterungen und suchte doch nur den Passus mit dem Ergebnis, bis er ihn endlich auf der zweiten Seite, in fetten Buchstaben geschrieben, fand. Es konnte keinen Zweifel geben. Das Ergebnis stimmte, laut unabh?ngigen Gutachtern, mit einer Sicherheit von 99,95%.
Er h?tte aufschreien k?nnen – h?tte sich vielleicht vorgestellt, bei diesem Ergebnis aufschreien zu m?ssen, sa? aber nur stumm da. Es war ihm, als tue sich ein Abgrund auf, in dem er und sein ganzes bisheriges und zuk?nftiges Leben hineinfallen w?rde. Aber gleichzeitig f?hlte er eine Best?tigung, den Code, den Schl?ssel f?r die Zweifel endlich gefunden; das Gef?hl, endlich Klarheit - wenn auch eine f?rchterliche und unbarmherzige Klarheit - zu haben. Folgen konnte er keinem dieser Gef?hle, sondern nur da sitzen und den Brief wieder und wieder durchlesen. Die Antwort auf alle Fragen, die Gr?nde allen Zweifelns lagen wie eine Offenbarung vor ihm und es blieb in der Summe nur ein taubes Gef?hl, als w?re die Zeit um ihn herum stehen geblieben, als g?be es kein Heute und kein Morgen und als w?re alles nur ein Film, ein b?ser Traum, aus dem aufzuwachen eine Erleichterung gewesen w?re.
Er sa? lange reglos dort am Schreibtisch, schien auf irgendetwas zu warten. Etwas, das passieren musst. Weil jetzt nicht einfach alles so weitergehen konnte. Doch als nichts passierte, nichts um ihn herum einst?rzte, sich kein Spalt in der Erde auftat, keine Feuerzungen vom Himmel fielen, nicht nach einer halben und nicht nach einer vollen Stunde, sondern die Uhr einfach mit leisem Ticken weiterlief, es drau?en, wie jeden Abend im April, gegen sieben dunkel wurde, da wusste er, dass er es war, der etwas tun musste.
Er stand auf und ging zu dem Wandschrank, der sich neben der Eingangst?r befand. Er ?ffnete ihn und nahm ein gro?es, schwarzes Kleidungsst?ck heraus – eine Soutane, wie sie katholische Pfarrer fr?her h?ufiger trugen um ihre Distanz zum Volk zu demonstrieren. Er hatte die Soutane nie getragen, sie erschien ihm antiquiert und altmodisch, aber sein Onkel trug sie Soutane heute noch fast jeden Tag.
Als er die Soutane angezogen hatte, stand sein Entschluss fest. Er w?rde die Zweifel beseitigen – ein f?r alle Mal.
18.11.04 23:55
 


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